Bürgerversammlung 8. Juli 2020: Gutachten IFUA Beurteilungswerte Blei Belastungswerte – Spielplätze – kritische Anmerkungen

Im Auftrag der Stadt Mechernich führte das private „Institut für Umwelt Analysen“ (IFUA) Bodenuntersuchungen zur Bleibelastung u. a. auf den stadteigenen Spielplätzen durch, von denen 42 wegen stark erhöhter Bodenbleiwerte bis über 4000 mg/KG zeitnah mit sofortigem Beginn saniert werden müssen. Das Umweltministerium NRW fördert die Maßnahme aktuell mit 3,6 Millionen Euro. Nach Ausführungen der Referentin über das Spielverhalten der Kinder und den dabei durchschnittlich geringen Mengen Erde, die dabei pro Tag verschluckt werden, erwähnte sie unglücklicherweise, dass „keine akute Gefahr besteht“ für eine Vergiftung.

Das wurde vom Bürgermeister gleich fälschlich verallgemeinernd übernommen, wie auf der CDU Internetseite zu lesen ist. Dabei meinte die Autorin die akute Vergiftung mit schweren Symptomen innerhalb von 24 Stunden von kolikartigen Bauchschmerzen, Lähmung und Kreislaufversagen bis zum Tod. Die akute Gefahr einer chronischen Bleivergiftung besteht bei Kontakt vor Ort natürlich täglich weiterhin und nimmt mit jedem weiteren Spieltag zu. Sonst müsste man gar keinen Bodenaustausch durchführen.

In dem Gutachten wird dieser Ausspruch als Schlussfolgerung gar nicht erwähnt und im Gegenteil darauf hingewiesen, dass Zitat:  „Konkrete Zusammenhangsanalysen nicht Gegenstand der auftragsgemäßen Untersuchung waren. Daher können im Sinne einer Überprüfung der Zusammenhänge zwischen den Bleigehalten im Boden sowie den Bleigehalten bei Kindern, die als sensibelste Nutzergruppe betrachtet werden, keine Aussagen getroffen werden.

Vor dem Hintergrund, dass bei Blei generell keine Wirkschwelle zu benennen ist, sollte eine zusätzliche Aufnahme von Blei grundsätzlich vermieden und Aufnahmemengen so weit wie möglich reduziert werden!“

Weitere Verständnis- Fragen wurden in einem separaten Brief an die Referentin der IFUA gestellt. Eine Beantwortung wurde angekündigt.

In diesem Zusammenhang sei auch noch einmal an den Aufruf an die Eltern erinnert,zwei Milchzähne ihrer Kinder zu verwahren.

Kann das Darmmodell DIN 19738 2017-06 wirklich valide Resorptionsverhältnisse für anorganische Bleisalze oder schon eher organische Verbindungen wie Bleizucker simulieren mit einem sauren Magensaft und alkalischen Dünndarmsaft plus Enzyme (Pankreas + Galle?)?  Die menschliche Verdauung ist ja eine so komplizierte Angelegenheit, individuell unterschiedlich, mit einer  durch Zotten riesengroßen aktiven Resorptionsfläche, wobei allerdings Glucose z. B. die Aufnahme von lebensnotwendigen Mineralien wie Na – K – Mg – Ca und CL – CO3  – zusätzlich steigert, wie wir aus der Infusionstherapie als Ersatz bei Dehydration unterschiedlicher Genese wissen.

Die Literatur geht bisher für Blei von einer enteralen Resorption von ca. 10% im Mittel bei Erwachsenen und ca. 60% bei Kindern aus. Wie das physiologisch begründet wird, habe ich nicht gefunden.

Ihr Model in Mechernich geht von einem mittleren Wert lokal von 24% aus, Zitat: „nach dem Verschlucken nehmen Kinder Blei fünfmal besser auf als Erwachsene“ – = wie viel Prozent des Ausgangswertes sind das? -, Basis 400mg/kg Blei, – wenn ich das richtig verstanden hab. Müssen die Resorptionswerte neu definiert werden durch Modelle?

Die Halbwertzeit für Blei im Blut – hauptsächlich Erythrozyten gebunden – beträgt 28 – 35 Tage, für Blei im Knochen liest man 20 – 30 Jahre, selten 10 Jahre und bei Ihnen jetzt sogar nur 5 Jahre. Ist eine so große Variationsbreite belegt für Blei als Ca- Verdränger aus Verbindungen im Knochen. Für das Fließgleichgewicht lässt die Homöostase ja nur geringe ph- Schwankungen normalerweise zu. Deshalb sind Bestimmungen im Vollblut für die Diagnostik chronischer Bleibelastungen sehr stabil bei Erwachsenen. Bei Kindern im Gegensatz schwanken sie wegen der hohen Resorptionsquote, weshalb je nach Exposition eine Zweitbestimmung im Abstand von mindestens 4 Wochen zur Diagnostik einer chronischen Belastung sinnvoll ist.

Die Pflanzenverfügbarkeit nach DIN 19730 ergab bei den AN Werten zwei Ausreißer und wurden eliminiert. Waren dies eindeutig Fehlbestimmungen oder seltene Speichervarianten und wenn bei welchen Pflanzen?

„Die Prüfwertableitung beruht nach wie vor auf der Annahme, dass durch Bodenbelastungen im Sinne der Gefahrenabwehr in Wohngebieten eine zusätzliche Blutbleierhöhung von 20 Mikrogramm/l als Obergrenze akzeptiert wird, verbunden mit Bleigehalten von 400mg/kg (UBA 1999ff).“ Könnten Sie mir die Literaturstelle nennen? Gilt diese Aussage nach 21 Jahren auch heute noch, obwohl der Referenzwert für Kinder inzwischen bei 15 Mikrogramm und für Jungen bis 10 Jahre bei 20 Mikrogramm liegt und das Minimierungsprinzip gilt?

„Auftragsgemäß waren die Ergebnisse des vom Kreis Euskirchen durchgeführten Blutblei- Screenings in Mechernich im Gutachten zu würdigen“, obwohl es wenig zu würdigen gab. S. Anlage „Blei Bleibt“. Zum Schluss des Gutachtens heißt es dann „Konkrete Zusammenhangsanalysen waren nicht Gegenstand der Untersuchung“ – schade. Den Kindern, welche die betroffenen Spielplätze regelmäßig besucht haben, sollte man eine Blutprobe oder Milchzahnuntersuchung anbieten.

Wie Ihnen bekannt wurden bereits im Oktober 2019 die HBM- Referenzwerte herabgesetzt und eine Neubewertung der Mechernicher Bleiuntersuchung von der UBA gefordert, was auch von Ihnen nicht berücksichtigt wurde. …

Obwohl nach dem neuen Bewertungsverfahren „keine akute Gefahr besteht“, haben wir bei 40 von 63 getesteten Kinderspielplätzen Handlungsbedarf festgestellt, so der Bürgermeister in einem Brief an die Bürger der Stadt nach Ihrer abschließenden Aussage auf der Bürgerversammlung. Dass „keine Gefahr“ von den Spielplätzen mit einigen tausend mg Blei/kg ausgeht, wenn diese geschlossen bzw. umgehend auf Weisung und mit Sofortbereitstellung von finanziellen Mitteln des MULNV durch Bodenaustausch saniert werden, glaubt niemand der betroffenen Eltern. Die Frage wie viele Kinder in der Vergangenheit gesundheitlichen Schaden genommen haben, bleibt leider offen. Weitere Blutuntersuchungen sind nicht vorgesehen, wie der stellvertretende Landrat auf der Versammlung verkündet hat. Eine Bleibestimmung im Milchzahn kann die Belastung jetzt und auch später noch dokumentieren. Sie sollte Eltern auf jeden Fall empfohlen werden.

Sie sollten Ihre mündliche Aussage „es besteht keine akute Gefahr“ noch einmal dahingehend überdenken, neu definieren und konkretisieren, damit diese forensisch nicht missbräuchlich benutzt wird. s. Anlage BM CDU. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, war gemeint, dass trotz einer hohen Resorptionsquote von Blei bei Kindern eine akute orale Vergiftung mit Blutwerten von z. B. über 500 Mikrogramm/l im Vollblut mit Anämie, Paresen, Koliken, Organbeteiligung etc. heute seltenst eher unfallmäßig oder absichtlich durch Dritte auftreten kann. Die „akute“ Gefahr einer chronischen gesundheitsschädlichen Bleibelastung verläuft klinisch meist unbemerkt und war bisher immer gegeben, weshalb der längst fällige Bodenaustausch jetzt erfolgt. Die geltende Lehrmeinung zu – Blei im Körper ist immer schädlich -kommt im letzten Absatz Ihres Gutachtens klar zum Ausdruck.

Ihren Antworten sehe ich mit großem Interesse entgegen.

Mit freundlichem Gruß!

Dr. Jörg Schriever

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